Gerade eben: Es klingelt an der Tür. Wieder erwarten steht ein junger Mann mit langen Haaren, coolen Klamotten und freundlichen Grübchen vor meinem Haus. Er will mich zum Frühstück einladen, sagt er. „Naja, warum nicht“, denke ich so bei mir.
Tatsächlich macht er Promotion für den Lieferdienst einer lokalen Handwerksbäckerei. „Die werden dann morgens zwischen 5:00 und 5:30 Uhr geliefert. Dann haben Sie zum Frühstück ganz frische Semmel und müssen gar nicht aus dem Haus“, sagt er noch mit schüchternem Stolz. Meine Frage, welche arme Seele sie um diese Uhrzeit durch die oberschwäbischen Dorfstraßen schicken, konnte er mir nicht beantworten. Auch die Arbeitszeiten der anderen Mitarbeiter, waren ihm unbekannt.
Diese Gedanken sind freilich nur die Spitze des Eisbergs. In der Prozesskette gibt es da viele Menschen, die zu nachtschlafender Zeit die Bestellungen verarbeiten, verpacken und verladen müssen, um uns verwöhnten, traditionell unflexiblen Konsumenten mit Backwaren zu versorgen. Von deren Familienleben wollen wir erst gar nicht reden.

Zuvor

Rund ein Jahr ist es her: Der kleine Bäcker, der auf meinem Weg zur Arbeit liegt, hat einen neuen Zettel im Fenster hängen. Neue Öffnungszeiten, täglich 6:00 – 14:00 Uhr
„Und wo kauf ich jetzt meine Brötchen zum Abendessen?“, frag ich. Schulterzucken der Mehlmaid.
Ganz ehrlich, die Semmel von dem Bäcker waren abends eher schwierig zu essen, und dass die Kunden das auf Dauer satthaben, ist auch verständlich. Dann kauft nachmittags keiner mehr ein und die nahe liegendste Lösung, um die betriebswirtschaftliche Wunde zu lecken, ist es, die Öffnungszeiten zu verkürzen inkl. Personalabbau. Tolle Leistung (Ironie).

Tiefer

Auf der Suche nach der Wurzel dieses Übels kommen wir nicht umhin, die traditionellen Bräuche (in allen Ehren) der Bäcker auf den Prüfstand zu stellen. Gehört die mitternächtliche Arbeit wirklich dazu? Oder ist sie nur ein Auswuchs der Wohlstandsgesellschaft, angestoßen von der Erfindung der Elektrizität?

Weiter

Mein netter Promotion-Boy an der Tür vorhin meinte übrigens, die kleinen Handwerksbetriebe würden durch die schiere Übermacht der Großkonzerne vom Markt radiert. Aha.
Ich denke, dies ist eine viel zu einfache, faule und pseudoresignierte Ausrede dafür, sich weiterhin mit seinen Bierbrüdern beim feierabendlichen Stammtisch-Gejammer auf das Ende der Welt einschwören zu dürfen.
Gepaart mit dem grassierenden Fachkräftemangel und der Nachwuchsproblematik sollte Bäckermeister XY doch langsam mal versuchen neue Wege zu gehen. Vielleicht im Geschäftsmodell, Vertriebsstruktur, Personalentwicklung, Positionierung, Unternehmenswerte, Kundenanalyse usw.
Denn mal im Ernst, ich kann’s verstehen. Ich habe auch keine Lust, morgens um drei bei der Arbeit zu sein. Das ist einfach nicht mein Ding und ich würde mich vermutlich auch nie im Leben daran gewöhnen.
Mein Ding ist es, tagsüber zu arbeiten und am späteren Nachmittag heimzukommen.
Und dann – weil ich es mir verdient habe und weil ich mir den lieben langen Tag für meine Familie, meine Kunden, Vater Staat, das Schulgeld und sonst was den Arsch aufgerissen habe – genau dann, will ich frisch gebackene Semmel haben. Dazu ein paar Rädla Wurst, etwas Schweizer Käse und einen Radi.

Voran

Im Klartext, liebe Bäcker: Ihr ignoriert völlig eure Zielgruppe und sägt damit an dem Ast, auf dem ihr selber sitzt. Das hart arbeitende Volk (= Zielgruppe), hat nicht nur die dicke Kohle, sondern auch Lust auf frische Backwaren nach ihrem verrichteten Tagwerk und nicht auf Mitternachtswecken, die bei Verzehr schon rund 15 Stunden durch Ulm und Umgebung gereist sind.

Also bitte:

  • Arbeitet tagsüber
  • Schont eure Gesundheit
  • Gewinnt neue Mitarbeiter
  • Bietet der kaufkräftigen Kundschaft frisches Backwerk
  • Und im macht vielleicht sogar ne große Nummer draus (schaut mal hier: zeitfuerbrot.com)

Wagt den Schritt, probiert es aus. Denn „Stillstand ist der Tod“, singt Herbert Grönemeyer und recht hat er.